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Marzer Sage


Der Narr

Unweit von Marz, gegen Sieggraben zu, sieht man auf einer bewaldeten Stelle einen Erdaufwurf, der die Gesalt eines auf dem Boden liegenden Menschen darstellt. Von ihm weiß der Volksmund eine Geschichte zu erzählen, die so recht vom Humor der Bauern spricht:

Vor vielen hundert Jahren sind zwei Bauern zur späten Nachtstunde von einer Zeche auf dem Heimweg gewesen. Während sie sich auf der vom Monde beschienenen Dorfstraße mit unsicheren Schritten mühsam fortschleppten, prahlte der eine von ihnen, der eine beachtliche Größe aufwies und dessen hünenhafte Gestalt auf Bärenkräfte schließen ließ, mit schwerer Zunge, dass er trotz seiner Gleichgewichtsstörung jetzt noch imstande sei, ein Fass Wein auf seinem Rücken zu der oben bezeichneten Stelle zu tragen. Als der andere das anzweifelte, entschloss er sich, um seinem Kumpan den Beweis zu liefern, dem Wort die Tat folgen zu lassen. Zu Hause angekommen, holte er ein mit Wein voll gefülltes Fass aus dem Keller, lud es auf seine breiten Schultern und machte sich auf den Weg. Schon hatte er das Dorf hinter sich und nur einige hundert Meter trennten ihn noch vom Ziele. Drückend lastete das schwere Faß auf seinen Schultern und trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Je mehr er sich dem Dorfe entfernte, um so mehr bekam er es mit der Angst zu tun. Allmählich begann er mit dem Gedanken der Umkehr zu spielen, doch sein Stolz trieb ihn immer weiter vorwärts. Keuchend und schleppend schritt er fort. In seinem Kopfe toste es, als ob ein großes Meer darin gefangen wäre. Büsche und Sträucher säumten seinen Weg und ihre Blätter raschelten umkost vom lauten Nachtwind. Noch hundert Schritte und er hatte es geschafft. Plötzlich stürzte er nieder und stand nicht mehr auf.
Am nächsten Morgen fand man ihn tot auf dem Boden liegend auf.
Die bewaldete Anhöhe, auf der dieser Mann den Tod fand, erhielt den Namen "Narr".

Eine launige Inschrift daneben von Matthias Rumpler (1942 in Russland gefallen), erinnert, dass es auch heute noch solche Narren wie damals gibt.


Der Narr

Lieber Wand'rer laß dir sagen,
was sich hier einst zugetragen.
Ein Mann von Kraft und auch recht groß,
liegt hier nun in der Erde Schoß.
Er hat gewollt ein Faß voll Wein,
von Marz her tragen - oh welch Pein.
Der Weg ist lang, die Last ist schwer,
zum Ziele kam er nimmermehr.

Kaum hundert Schritte schon davor
fällt nieder nun der große Tor.
Die Füß', die Händ' er strecket aus,
hernach die Seele er haucht aus.
So liegt verhüllt von Erd' und Stein
hier dieser Narr so ganz allein.

Noch eines mich immer trösten mag,
das ich mit allem Nachdruck sag:
Mein Nam' ist noch nicht ausgestorben.
Der Narren gibt es heute mehr,
das feierlich ich dir erklär.
Setz' nieder dich und ruhe stille,
das ist mein allerletzter Wille.